„Zweimal Deutschland um 1980“ – Museum Ludwig zeigt Fotografen aus Ost und West

„Zweimal Deutschland um 1980“: Blick in die Ausstellung – Foto: JS
Rund 70.000 Arbeiten umfasst die Sammlung Fotografie des Museums Ludwig. Sie spiegeln nicht nur die (technische) Entwicklung dieses Mediums über rund zwei Jahrhunderte wider. In thematischen Ausstellungen geben sie auch immer wieder Einblick in bestimmte historische Epochen, zeigen zum Beispiel, wie die Menschen – aus Sicht der Fotografen – gelebt haben. So auch die aktuelle Schau „Zweimal Deutschland um 1980“ mit über 120 Schwarzweiß-Fotos aus der Bundesrepublik und der DDR. Wobei viele Exponate schon in den 1960er und frühen 1970er Jahren entstanden.
10 Jahre vor der Wiedervereinigung waren die Lebensbedingungen höchst unterschiedlich. In der Bundesrepublik wurde heftig öffentlich diskutiert und demonstriert, etwa gegen den NATO-Doppelbeschluss und für Umweltschutz. Die Arbeitswelt war von Migration geprägt. In der DDR herrschte eine bleierne Stille, die Versorgung der Bevölkerung verschlechterte sich. Diese Lebenswelten halten die hier präsentierten Fotografen fest, nicht politische Ereignisse.
Bei der Arbeit von Honecker überwacht
Mit vier DDR-Fotografen beginnt die Ausstellung: Ute Mahler, Christiane Eisler, Erasmus Schröter und Evelyn Richter. Letztere war von 1981 bis 2011 Dozentin an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchdruck (HGB), die drei anderen studierten dort. Sie konnten schon in einer freieren Atmosphäre arbeiten. Doch Richters Bilder aus der Arbeitswelt entsprechen durchaus den alten politischen Erwartungen an die Fotografie, wenn sie konzentrierte Frauen an Industriemaschinen zeigt. Den trostlosen Alltag spiegeln ihre Stadtlandschaften wider, etwa die zwei Fahnenträger auf einer einsamen Straße in Leipzig. Von bitterer Symbolik die Pförtnerin im Leipziger Rathaus: Sie sitzt hinter einem Gitterfenster, bewacht von einem Honecker-Foto.

Evelyn Richter: „Pförtnerin im Rathaus Leipzig“ (um 1975) – © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im Museum der bildenden Künste Leipzig. Repro: Historisches Archiv mit Rheinischem Bildarchiv.
1981 durfte Richter Köln besuchen, wo sie sich im Museum Ludwig selbst fotografierte. In der DDR porträtierte sie die Künstler Wolfgang Mattheuer, Gerhard Richter und Konrad Klapheck.
Familienidylle auch im Sozialismus
Eine zur sozialistischen Familienidylle „bekehrte“ Bürgerin dokumentierte Christiane Eisler: Aus der Punkerin Heike ist drei Jahre später eine besorgte „bürgerliche“ Mutter geworden. Friedliches und Angepasstes zeigt auch der Zyklus „Zusammenleben“ von Ute Mahler aus den Jahren 1973 und 1974: Frauen mit Katze und Hund, drei Generationen einer Familie im trauten Wohnzimmer, ein junges Ehepaar, rangelnde Kinder, die Mitglieder des Zirkus „Hein“.
Mit einer Infrarotkamera streifte Erasmus Schröter durch die Stadt, traf auf Menschen, die an der Haltestelle auf den Bus warten, noch entsprechend gekleidet einen Maskenball oder an einem Tanzturnier verlassen. Aus der Rahmen fällt das Porträt eines jungen Mannes, der stolz seine tätowierte Brust zeigt: darauf King Kong und die geraubte Frau.
Wie August Sander, nur lässiger
Den vier DDR-Insider-Künstlerinnen stehen drei aus dem Westen mit ihrem Blick von außen auf die Bundesrepublik gegenüber. Wie August Sander fotografierte US-Fotograf Derek Bennett berufstätige deutsche Frauen und Männer, nach Zufall angesprochen ergeben die Porträtierten ein buntes Bild der deutschen Gesellschaft – lässig und ganz anders als das im Vergleich dazu steife Vorbild aus den 1920er Jahren.
Vom Franzosen Karl Kugel ist die „Deutsche Reise“ aus dem Jahr 1987 zu sehen: Sie begann in Köln-Chorweiler und führte ihn mit der Eisenbahn nach Berlin zur Berliner Mauer. Die Fotos zeigen Reisende in Straßenbahn und im Zug, den Blick aus dem Zugfenster auf eine trostlos flache Landschaft, eine Straße bei Nacht. Unter den 19 ausgesuchten Fotos sind die belichteten Negativstreifen in Originalgröße zu sehen.
Schließlich noch zwei Schnappschüsse des Polen (und KZ-Überlebenden) Henry Maitek: Etwas unscharf ist da zu sehen, wie ein Mann seine Frau fotografiert, das zweie Bild zeigt aus leichter Froschperspektive zwei alte Damen beim Kaffeetrinken in einem Ausflugslokal.
„Zweimal Deutschland um 1980“ – bis 11. Oktober 2026. Museum Ludwig. Heinrich-Böll-Platz, 50667 Köln, www.museum-ludwig.de, Tel. 0221 / 221 261 55. Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, jeden ersten Donnerstag im Monat 10-22 Uhr. Eintritt: 19,80/13,50 Euro (gilt für das gesamte Museum), Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren frei. Jeden ersten Donnerstag im Monat ab 17 Uhr 7 Euro, für Kölnerinnen und Kölner ganztägig frei. Anfahrt: KVB-Bahn: Linien 5, 16, 18 (Dom, Hauptbahnhof)