„Wem gehört das Volk?“ – Theater der Keller zeigt: Bundestagsdebatte nach 25 Jahren immer noch aktuell

„Wem gehört das Volk?“: Thomas Brandt und Azize Flittner diskutieren über die Freiheit der Kunst. – Foto: Oliver Strömer /TdK
Als Berlin zur Bundeshauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands wurde, wurde der ehemalige Reichstag zum Bundestag, dem Sitz des Parlaments. In dessen Auftrag entwickelte der Konzeptkünstler Hans Haake ein Kunstwerk, das seinen Platz im Lichthof des Hauses finden sollte. Sein Titel „Der Bevölkerung“ ist als kritische Reaktion auf die Widmung „Dem deutschen Volk“ zu verstehen, die seit 1916 über der Eingangstreppe steht. Obwohl vom Kunstrat angenommen, gab es nach einem Antrag, die Arbeit nicht umzusetzen, eine heftige und emotiale Debatte im Bundestag. Das Theaterstück „Wem gehört das Volk“ im Theater der Keller greift diese Diskussion in deren 25. Jubiläumsjahr mit aktuellem Bezug auf.
Ungewohnt präsentiert sich das Theater für diese Uraufführung: In der Mitte der Halle ein quadratisches Podium, vor den vier Seiten sitzt das Publikum in Zweierreihen (Bühnenbild und Regie: Martin Schulze). Abwechselnd greifen Thomas Brandt und Azize Flittner zum Mikrofon und zitieren die Reden, die am 5. März 2000 in Berlin gehalten wurden. Und während der eine redet, nennt der andere die Urheber von Zwischenrufen, Buhs und Beifall, wie sie in den Protokollen festgehalten sind. Und mit einem kleinen aufblasbaren Planschbecken in den deutschen Nationalfarben als Hut ließ sich über übertriebenen Nationalismus spotten.
Die Mehrheit will Hans Haakes Kunstwerk
Der Antrag, das Kunstwerk nicht umzusetzen, wurde abgelehnt. Es wurde verwirklicht, die Worte „Der Bevölkerung“ nutzen dabei dieselben Schrifttypen wie „Dem deutschen Volk“. Die weißen Großbuchstaben liegen seitdem in einem mit Erde gefüllten Trog. Gärtnerische Eingriffe gibt es nicht.
Die Erde wurde sukzessive aus allen Wahlkreisen nach Berlin gebracht, jeder Abgeordnete sollte einen Zentner beisteuern. Das war manchem jedoch zuviel Aufwand und ein Grund zum Nein. Hitziger und grundlegender war jedoch die Auseinandersetzung über Gleichsetzung beziehungsweise Unterschied der Begriffe Volk und Bevölkerung. Noch heftiger aber war der Streit über die Freiheit der Kunst.
Freiheit der Kunst verteidigt
CDU-Politiker Volker Kauder etwa warf Haake Anmaßung vor, er baue einen künstlichen Gegensatz auf. Gerd Weisskirchen (SPD) dagegen verteidigte die Freiheit der Kunst, ebenso Ulrich Heinrich (FDP). Heinrich Fink erinnert an die ausschließende völkische Politik der Nationalsozialisten, Politik fund während er von Da gibt es ein Wiederhören damals wichtiger Politiker und Politikerinnen wie bWolfgang Kauder (CDU)
So ganz neu sind dann die Argumente nicht, die von Schülerinnen und Schülern der Kölner Integrierten Gesamtschule Innenstadt (igis) in einem Workshop unter Leitung des Theaterpädagogen Norman Grotegut zusammengetragen und zwischen den historischen Reden eingeblendet werden. Hauptargument für eine Bevorzugung des Begriffs Bevölkerung: Er schließt alle Menschen ein, die in einem Land leben.
Die gut 75 Minuten dauernde Erinnerung an diese Debatte ist alles andere als überholt. Aber man hätte sich doch etwas mehr Querverweise auf die aktuelle politische Diskussion nicht nur in Deutschland gewünscht. Denn besonders von Rechts wird lieber Politik für ein einheitliches „Volk“ gemacht, das durch „Umvolkung“ bedroht ist, und damit etwa Menschen ausgeklammert, die die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen haben. Am Ende gab’s dann langen Premierenbeifall.
„Wem gehört das Volk?“ – die nächsten Vorstellungen: 17. April (20 Uhr), 18. April (19 Uhr), 14. und 15. Mai, 2. und 3. Juni (jeweils 20 Uhr). Theater der Keller, Siegburger Str. 233 (Halle im Hof), 50679 Köln-Deutz, Tel. 0221 – 31 80 59. www. theater-der-keller.de. Anfahrt: KVB-Linie 7 (Poller Kirchweg)