„Die Verkehrsgeschichte von Nordrhein-Westfalen“ – Christian Frankes neues Buch: Ein historischer Überblick mit aktuellem Bezug

Mit 35 Prozent aller Staustunden war Nordrhein-Westfalen im Vorjahr Spitzenreiter der Bundesländer. Mit 427 Verkehrstoten landete NRW knapp hinter Bayern (429). Geht’s um Verkehrsstatistik, schneidet unser Land nicht besonders gut ab. Dazu tragen auch 2.500 sanierungsbedürftige Straßenbrücken bei. Wie es dazu kommen konnte und was getan werden muss, beschreibt Christian Franke in seinem Buch „Verkehrsgeschichte von Nordrhein-Westfalen“, das jetzt im Greven-Verlag erschienen ist. Ein auf den ersten Blick trockenes Thema, von ihm jedoch spannend und detailreich erzählt. Empfehlenswert auch für politische Verantwortliche.
Da ist zum einen – mit dem 19. Jahrhundert beginnend – der historische Rückblick, in dem NRW zunächst vor allem Durchgangsland für politische gewollte deutsche Nord-Süd-Verbindungen war. Eine Zielsetzung, die dann mit Eintritt in die EU mit NRW als zentralem Ost-West-Durchgangsland in Einklang zu bringen war.
Unterschiedliche Zuständigkeiten erschweren Modernisierung
Franke beschreibt, wie diese Ansprüchen mit dem Ausbau von Eisenbahn, Straßen, Schifffahrtswegen, Luftverkehr und ÖPNV umgesetzt wurden. Wobei die Wünsche von Industrie, Wirtschaft und der Bevölkerung nach schnellen und günstigen Verbindungen in Einklang zu bringen waren. Sich oft widersprechend auch die Bedürfnisse von Stadt und eher locker besiedeltem Land. So ist und war es nicht immer leicht, alle Seiten zufriedenzustellen. Zumal die unterschiedlichen politischen Zuständigkeiten von Bund, Land, Kommunen und zuletzt auch der EU schnelle Entscheidungen erschweren.
Ebenfalls schwierig, die Bedürfnisse der Infrastruktur-Nutzer vorauszusehen. So sind etwa die in den 1960er gebauten Brücken – damals technische Vorbilder – dem wachsenden LKW-Verkehr mit immer schwereren Fahrzeugen nicht mehr gewachsen. Das Ergebnis: Sie sind sanierungsbedürftig, aber das Geld dafür fehlt. Die Folgen waren bei den Autobahnbrücken von Leverkusen oder über das Rahmedetal zu sehen: Sie mussten gesperrt werden, der Umleitungsverkehr belastete die betroffenen Orte und Menschen.
Das Auto – Lieblingsverkehrsmittel der Deutschen
Ein besonderes Augenmerk richtet der Autor auf die sich wandelnden Ansprüche der Menschen, die diese Infrastruktur nutzen (müssen). In den letzten Jahrzehnten setzten sie zunehmend aufs Auto, das ihnen größere Bewegungsfreiheit versprach, um Wohnen, Arbeit und Freizeit – auf immer mehr getrennte Orte verteilt – unter einen Hut zu bringen. Ein Anspruch, den die Politik oft genug etwa mit dem Ausbau des Straßennetzes erfüllte, ohne dabei auf die Folgen etwa für den Klimaschutz zu achten. Schließlich wollten Wahlen gewonnen werden. Ein mögliches Tempolimit ist dabei nur ein Streitpunkt.
Trotzdem: Der Klimaschutz nahm an Bedeutung zu. Bahn und ÖPNV lockten mit Sonder-Tickets, in Stadt und Land wurde das Angebot für Radfahrer verbessert. Doch auch das nicht immer so, wie es versprochen wurde.
Wie sich Nutzung und Förderung von Eisenbahn, Straßen, Schifffahrtswegen und Luftverkehr gegenseitig beeinflussen, ist ein wiederkehrendes Thema in diesem Buch. Dabei übt der Autor nachvollziehbare Kritik vor allem an der „Vormachtstellung“ des Autos bei den Mobilitätswünschen der Deutschen und deren Wunsch nach dessen ständiger Verfügbarkeit. Hier fordert er für die Zukunft eine stärkere Hinterfragung und setzt vor allem auf umweltfreundlichere Antriebsarten. E gibt jedenfalls genug fundierte Anregungen für eine bessere Verkehrspolitik.
Christian Franke: „Verkehrsgeschichte von Nordrhein-Westfalen“ – Greven Verlag, Köln 2026, Hardcover, 143 Seiten, 22 Euro