„Unbequem“ – Kunstakademie Heimbach zeigt Leben und Werk des Düsseldorfer Karnevalswagenbauers Tilly

„Unbequem – Jacques Tillys Werke. Frech – pointiert – humorvoll“: Blick in die Ausstellung
Man musste nicht nach Brüssel fahren, wo das Europa-Parlament mit einer Ausstellung gerade den Düsseldorfer Karnevalswagenbauer Jacques Tilly ehrte. Auch die Internationale Kunstakademie im Eifelörtchen Heimbach widmet dem Zeitkritiker eine kleine aber feine Ausstellung: „Unbequem – Jacques Tillys Werke. Frech – pointiert – humorvoll“ gibt einen Überblick über Leben und Werk des Künstlers.
Der ist zur Zeit in aller Munde: Jacques Tilly hat sich mit seinen übergroßen Pappmachée-Figuren den Zorn von Putin zugezogen. Die Wut des russischen Machthabers war so intensiv, dass ein Moskauer Gericht den Düsseldorfer – in Abwesenheit – zu fast achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilte. Corpus delicti – eine von Tilly entworfene Figur Putins, die sich in einer Badewanne voller Blut räkelt. Angeblich eine Verletzung des Ehrgefühls des russischen Alleinherrschers.
Kritik an politischen Autokraten ist seine Spezialität
Die Heimbacher Ausstellung bietet Einblick in seine reale Phantasiewelt. Frech, pointiert und humorvoll hält er seinen Zeitgenossen den Spiegel vor. Und es wimmelt nur so von Anspielungen auf Politik, Kirche und Kultur. Köstlich. Und vor allem mutig. Über 70 große Farbfotos dokumentieren sein Schaffen für den Düsseldorfer Rosenmontagszug, erstmals 1990, dann jährlich ab 2000. Selbstherrliche Politiker sind sein Lieblingsziel: Donald Trump, Xi Liping, Emmanuel Macron, Marcus Söder, Sarah Wagenknecht, „Hohlav“ Scholz – und natürlich immer wieder Wladimir Putin.

Wagen aus dem Düsseldorfer Rosenmontagszug der Session 2020/21
Genauso die Vertreter der katholischen Kirche und ihre Verwicklung in den Missbrauchskandal. Da trägt dann ein Bischof statt der Mitra eine Penisspitze auf dem Kopf. Auch in vielen Karikaturen reibt er sich an der christlichen Selbstinszenierung. Als Zeichner ist Tilly perfekt, wenn auch weniger bekannt. Das gilt auch für seine Wimmelbilder, mit denen er nordrhein-westfälische Städte porträtiert. Hier setzt er auch den vielen Promis ein Denkmal, die hier vgeboren wurden oder ihr Werk geschaffen haben: von Goethe bis Marx, von den Toten Hosen bis zu Heino. Hingucken lohnt sich.
Mit aufgebahrtem Stalin durch die neuen Bundesländer
Auch bei den Fotos, die ihn und sein Team bei der Arbeit zeigen. Oder bei seiner „Stalintour“, zu dem ihn das NEUE Forum 1990 eingeladen hatte: Da zog er mit seinem Karnevalswagen, auf dem ein toter Stalin aufgebahrt wurde, durch die neuen Bundesländer.

Arbeiten nicht immer so reibungslos zusammen: CDU und CSU
Besonders eindrucksvoll die alten Familienfotos, die im ersten Stock ausgestellt sind. „Meine Eltern waren sehr freiheitlich“, erwähnt Tilly mit warmer Stimme im Gespräch mit luurens-Kollegin Beate Weiler-Pranter. „Während andere Kinder in dem Düsseldorfer Nobelbezirk an die Kandarre genommen wurden, durften wir selber austesten, was richtig und was falsch ist“, erinnert sich der heute 62-Jährige. Das habe ihn fürs Leben geprägt. Die Betrachter seiner Figuren spüren es – egal, ob Bauer aus dem Vorgebirge oder Akademiker. Tillys offene Botschaft kommt an.
Der Satiriker lässt sich nicht einschüchtern
Halt nur bei Putin nicht. „Das ist meine Realität.“ Ob er nun Angst habe? „Nein, die da wollen, dass man eingeschüchtert wird. „Danger is real, fear is choice (Gefahr ist real, Angst eine eigene Entscheidung)“, zitiert er ein englisches Sprichwort. Gerne würde er mit seiner Familie nach Indien oder Ägypten reisen. „Geht aber nicht, weil diese Länder ein Auslieferungsabkommen mit Russland haben.“ Diese Einschränkungen müsse man halt „in Kauf nehmen“.

Jacques Tilly im fotografischen Selbstporträt
Tillys eigene Verspieltheit, seinen Sinn für Humor, entdeckt der Besucher in einem Porträt im Treppenaufgang zum ersten Stock der Akademie: Wie die Symbole des griechischen Theaters hängt dieses Bild dort. Eine Gesichtshälfte spitzbübisch aufgerichtet, die andere Hälfte des Gesichts jedoch tragödienhaft nach unten gezogen… Nein, keine Collage! „Ich kann mit den Ohren wackeln, mit Muskeln meine Kopfhaut beben lassen und meine Naslöcher blähen.“ Trotz ernsthaften Telefon-Interviews lachen wir los. „Ich auch.“
Aber sein „Bellen wie ein Wadenbeißer“ kann ich nicht. Und plötzlich sind wir wieder bei Putin. Bei seinem Treffen mit Merkel in Sotchi. Ihre Angst vor seinem großen Hund genießend… „Jetzt weiß ich, warum Dich Putin nicht mag“, beendet Weiler-Pranter das Gespräch, denn Jacques Tilly muss zum nächsten Termin. (Text: Beate Weiler-Pranter, Fotos: Brigitte Lehro)
„Unbequem – Jacques Tillys Werke. Frech – pointiert – humorvoll“ – bis 17. Mai 2026. Internationalen Kunstakademie Heimbach, Hengebachstr. 48, 52396 Heimbach. Tel. 02446 / 80 97 00, www.kunstakademie-heimbach.de. Mo-Fr 10-16 Uhr, Sa und So 14-17 Uhr. Eintritt: frei. Anfahrt: Mit der DB bis Düren, weiter mit der Rurtalbahn.