„Sprecht mit Euren Toten“ – freie Theatergruppe „ensembleintegral“ erzählt mehr als nur eine Familiengeschichte

Es wurde auch fröhlich gefeiert: Jan-Arwed Maul, Pia Stutzenstein und Paula Donner (v.l.) – Fotos: Klaudius Dziuk
„Sprecht mit Euren Toten!“ – eine nur schwer umsetzbare Empfehlung, die da auf der Bühne im Bürgerhaus Kalk ausgesprochen wird. Doch wer ihr folgt, auf den wartet eine persönliche Bereicherung nicht nur in der eigenen Familiengeschichte. So zeigt es Regisseurin und Schauspielerin Irina Miller in ihrem Stück, das nach langer Pause jetzt wieder in Köln zu sehen ist.
Sie arbeitet dabei stellvertretend ihre eigene Geschichte auf. Millers Vorfahren waren Anfang des 18. und des 19. Jahrhunderts von Deutschland ins damalige Zarenreich ausgewandert. Angelockt von Versprechen wie Religions-, Steuer- und Wehrpflichtfreiheit, von Landzuteilungen und Geldgeschenken. Viele Versprechen wurden nicht gehalten.
Lange von Stalin verfolgt
Aus den anfänglichen Aufbauhelfern für die Wirtschaft an der Wolga und in der Ukraine wurden bald die ungeliebten deutschen Einwanderer. Nach dem Ersten Weltkrieg – im Bürgerkrieg zwischen „Roter“ und „Weißer“ Armee – wurden viele Vorfahren Irina Millers von bolschewistischen Truppen erschossen. Stalin setzte die Unterdrückung fort, ließ nach dem Zweiten Weltkrieg die Deutschen als „Kollaborateure“ nach Sibirien und Kasachstan zwangsumsiedeln.

Irina Miller durchforschte alte Dokumente zu ihrer Familiengeschichte.
!980 konnten Irina Millers Großeltern Elisabeth und Bernhardt mütterlicherseits nach Deutschland auswandern. Doch damit brach auch der Kontakt zu den Zurückgebliebenen ab – Briefe kamen nicht mehr an. Damit blieb auch die direkte, mündlich überlieferte Familiengeschichte unerzählt. Als Irina Miller 2000 von Kasachstan nach Deutschland kam, waren die Großeltern schon tot.
Die Toten werden lebendig
Irina Miller lässt ihre Vorfahren lebendig werden. Paula Donner wird zur geliebten Oma Elisabeth und Jan-Arwed Maul zu Opa Bernhardt (spielt auch stimmungsvoll Geige). Pia Stutzenstein ist Oma Maria. Die drei sind gespensterhaft weiß gekleidet – doch mit auf sie projizierten Familienfotos werden sie zu lebendigen Persönlichkeiten. So kann die Familiengeschichte rekonstruiert werden. Lücken werden gefüllt und so manches für die Enkelin klarer, was sie bisher ratlos gelassen hat.
Das alles wird mit viel Gefühl auf die Bühne gebracht, Glück und Unglück wechseln sich ab und ziehen das Publikum mit. Am Ende wird geheiratet. Und dazu getanzt – dessen stampfende Rhythmen reißen das Publikum zum Mitklatschen mit. Was nach gut 90 Minuten Spielzeit nahtlos in den Premieren-Schlussapplaus übergeht. Und quasi nebenbei hat das Publikum etwas über das Klischee der „Russlanddeutschen“ erfahren – angesichts der aktuellen politischen Geschehnisse um die Ukraine sicher ein willkommener Nebeneffekt.
„Sprecht mit Euren Toten“ – die nächsten Vorstellungen: 18. (19:30 Uhr) und 19. September (18:00 Uhr), Bürgerhaus Kalk, Kalk-Mülheimer-Str. 58, 51103 Köln, Infos und Tickets: ensemble-integral.de/produktionen/sprecht-mit-euren-toten/ oder Tel. 0221 / 76 51 21, Anreise: KVB-Linie 1 und 9 (Kalk-Post).