„Lebenräume“ – Fotoausstellung in der SK Stiftung Kultur zeigt, wie wir heute in Nordrhein-Westfalen leben

Gregor Schneider: Aus der Serie „Häuser der sterbenden Dörfer des Braunkohleabbaugebietes Garzweiler und Häuser der zum Ersatz errichteten Dörfer, Deutschland“ (2013) – © Gregor Schneider / VG Bild-Kunst, Bonn
Wie lebt der Mensch, wie gestaltet er seine Umwelt, welche Wünsche hat er? Das war schon immer ein zentrales Thema der Fotografie. Einen ganz aktuellen Blick auf die Antworten zeigt jetzt im Mediapark die Ausstellung „Lebensräume“ der SK Stiftung Kultur. Zu sehen sind knapp 200 Arbeiten von 14 Fotografinnen und Fotografen, die mit ihrer Kamera den Lebensraum Nordrhein-Westfalen festgehalten haben.

Gregor Schneider: Aus der Serie „Häuser der sterbenden Dörfer des Braunkohleabbaugebietes Garzweiler und Häuser der zum Ersatz errichteten Dörfer, Deutschland“ (2013) – © Gregor Schneider / VG Bild-Kunst, Bonn
Darüber hinaus gibt die Ausstellung einen Überblick über aktuelle fotografische Arbeits- und Sichtweisen. So fühlt man sich bei Georg Schneiders (geboren 1969 in Rheydt) Serie verlassener Einfamilienhäuser und deren Ersatzbauten im ehemaligen Rheinischen Braunkohletagebau an die typologischen Arbeiten von Bernd und Hilla Becher erinnert. Ebenso – zumindest auf den ersten Blick – bei Claudia Fährenkempers (geboren 1959 in Castrop-Rauxel) 15 Schaufelradbaggern, die sie dort um 1990 fotografierte. Doch haben sie hier alle eine eigene Persönlichkeit, treten nicht als „Typ“ auf. Und in der Gruppe scheinen sie Ballett zu tanzen.

Melina Lehmacher: „Kristina, Köln-Chorweiler“ (2023), aus der „Serie Neue Stadt“ (2022–2024) – © Melina Lehmacher
Oder die Porträts von Alexander Lackmann (1994, Gelsenkirchen). Auch hier auf den ersten Blick die Assoziation an den berühmten August Sander. Doch hier haben sich die Menschen selber in Positur gestellt, zeigen sich als Individuum und nicht Vertreter eines Berufs oder gesellschaftlichen Standes. Gleiches gilt für die Arbeiten von Melina Lehmacher (1997, Köln) . Ihr Thema sind junge Frauen, die in Großwohnsiedlungen der 1970er Jahre leben, deren Wünsche und Erwartungen. Und die parallelen Architekturaufnahmen lassen den Betrachter darüber spekulieren, ob all die Hoffnungen, die seinerzeit mit dem Bau verbunden waren, in Erfüllung gingen.

Emine Ercihan: „Abderrahmane, Gelsenkirchen“ (2018) – © Emine Ercihan
Ermine Ercihan (1989, Izmir) besuchte Menschen, die zwischen den 1950er und 1970er Jahren als „Gastarbeiter“ nach Deutschland kamen, in ihren Wohnungen. Ihre Gesichter und das Wohnumfeld zeigen, wie sie ihr Leben heute sehen. Katharina Kemme (1991, Fürth) porträtiert Häuser und Nachbarn im Essener Stadtteil Holsterhausen, in dem sie seit acht Jahren lebt. Ansichten des Düsseldorfer Volksgartens und Porträts von dessen Besuchern verbindet Philip Zietmann (1990, Prenzlau)in seinem Fotokomplex.

Kathrin Esser: „Wald 05“ (2022), aus der Serie „Weiße Wehe“ (seit 2022) – © Kathrin Esser
Zwischen Porträts und Architektur fallen die Arbeiten von Kathrin Esser (1990, Düren) besonders auf. Sie machte sich im nahen Hürtgenwald auf die Suche nach Spuren, die die letzte große Schlacht zwischen Deutschland und den Alliierten im Zweiten Weltkrieg dort hinterlassen hat. Ihre Bilder Baumbilder und Luftaufnahmen ergänzt sie mit Fotos von Metallstücken, die ein Sammler dort gefunden hat.

Paul Avis: Ohne Titel (2017), aus der Serie „The Sun and the Snail and the Pigeons‘ Feet“ (seit 2014) – © Paul Avis
Ein Themenschwerpunkt der Ausstellung ist Köln. Paul Avis (1966, London) entführt den Betrachter in das seit vier Jahren verlassene Gebäude der Aurora-Mühle am Deutzer Rheinhafen. Hier soll einmal ein neues Stadtviertel entstehen, die Mühle als Denkmal erhalten bleiben. Was bleibt dann von den Spuren, die die Menschen hier hinterlassen haben, den Rohren, Stromleitungen, den Essensresten?

Boris Becker: „Eisstadion“ (2008) – © Boris Becker / VG Bild-Kunst, Bonn
Neu-Kölner Jeffrey Ladd (1968, Elkins Park/USA) findet seine Motive – Landschaft, Architektur und Menschen – vor allem bei Spaziergängen mit seinen Zwillingstöchtern im Kinderwagen. Die machten ihn auch auf den Schornsteinfeger auf dem Dach eines Hauses aufmerksam. Frank Dömer (1961, Hilden) dagegen beschränkt sich ganz bewusst auf Stadtansichten, Porträts seien ein anderes Gebiet. So streift er meist am frühen Sonntagmorgen durch das menschenleere Köln. Am liebsten rund um den Mediapark. Und weckt mit seinen Fotos oft genug nostalgische Erinnerungen. Ebenso wie Boris Becker (1961, Köln), der mit einem von drei Überformaten unter anderem das ehemalige Eisstadion zeigt. Und Gerhard Winkler (1962, Bürstadt) ist noch heute ganz überrascht wie viele Großbaustellen es in der Innenstadt gab und gibt. Und versucht, hier das Schöne im Hässlichen zu finden. Was ihm durchaus gelingt.

Almourad Aldeeb: Still aus dem Film „Wilhelmsbazar“ (2021) – © Almourad Aldeeb
Als leckeren Dessert gibt es noch zwei Filme, jeweils knapp 10 Minuten lang. Almourad Aldeeb (1991 in Homs) hielt einen verregneten Arbeitstag auf dem Wilhelmsplatz fest, der einzige tägliche Markt in Köln. Und Gregor Schneider fasziniert mit seinem Sonnenuntergang über dem stillgelegten Tagebau Garzweiler.
„Lebensräume – Zeitgenössische Perspektiven aus NRW“ – bis 12. Juli 2026. Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur, Im Mediapark 7, 50670 Köln, Tel.: 0221 / 888 95 300, E-Mail: photographie@sk-kultur.de, www.photographie-sk-kultur.de. Öffnungszeiten: täglich außer mittwochs von 14 bis 19 Uhr, am ersten Donnerstag im Monat bis 21 Uhr. Eintritt: 6,50 / 4 Euro, erster Donnerstag im Monat freier Eintritt. Katalog: 29 Euro. Anfahrt: KVB-Linien 12 und 15 (Station Christophstraße/Mediapark)