„Klosterfrau. Eine Nonne erobert die Welt“ – Die Geschichte von „Klosterfrau Melissengeist“ jetzt als Buch

Groß öffentlich gefeiert wurde das Jubiläum nicht. Dabei ist es genau 200 Jahre her, dass die Erfolgsmarke „Klosterfrau Melissengeist“ geboren wurde, wenn damals auch noch nicht unter diesem Namen. Grund genug für eine Firmengeschichte, die jetzt mit dem Titel „Klosterfrau. Eine Nonne erobert die Welt“ im Greven-Verlag erschienen ist, geschrieben von Martin Oehlen und Petra Pluwatsch.
Ihre Firmengeschichte beginnt mit der Biografie der Firmengründerin: der (Ex-)Annuntiaten-Nonne Maria Clementine Martin – 1775 in Brüssel geboren, 1843 in Köln gestorben. Sie lebt in politisch wechselvollen Zeiten. Mit 17 Jahren ins Kloster eingetreten, findet dieser Lebensplan durch die napoleonischen Säkularisierungsmaßnahmen Anfang der 1820er Jahre ein jähes Ende.
Die Ex-Nonne als weltliche Firmengründerin
Ihre im Krankenhaus erworbenen medizinischen Kenntnisse scheinen ihre Zukunft zu sichern, ihren Einsatz im Lazarett bei der Schlacht von Waterloo belohnt der Preußenkönig mit 160 Taler jährlich. Zu wenig um davon zu leben. So landet sie schließlich im Gefolge des künftigen Kölner Erzbischofs 1824 am Rhein und steigt hier in die Kölnisch-Wasser-Produktion ein – ein heißumkämpfter Markt für Heilmittel. 1825 bewirbt sie ihr Produkt mit einer Zeitungsanzeige – das Jahr gilt damit als Gründungsjahr der heutigen Firma.

Auch auf dem Hansahochhaus warb jahrzehntelang eine Leuchtreklame für „Klosterfrau“ – ein Blickfang nicht zuletzt für Zugreisende, die dicht am Gebäude vorbeirollten. – © Unternehmensarchiv Klosterfrau Group
Das Autorenduo Pluwatsch und Oehlen, beide ehemalige Redakteure des Kölner Stadt-Anzeigers, erzählt diese Geschichte mit vielen Fakten, aber immer unterhaltsam. In einem Kapitel beleuchten sie die gesellschaftliche Stellung der Frau in dieser patriarchalischen Gesellschaft, in der die Ex-Nonne vor allem als erfolgreiche Firmengründerin auffällt. Zwar waren Frauen als Geschäftsleute nicht selten, doch traten sie meistens nach dem Tod ihres Mannes als solche auf.
Frauen in der Medizin bestenfalls geduldet
Auch der Stellung der Frau in der Medizin seit der Antike ist ein detailreiches Kapitel gewidmet. Hier wurde sie lange bestenfalls als Heilkundige oder Geburtshelferin geduldet. Schlimmstenfalls aber als Hexe verbrennt.
In ihrem Testament setzt Maria Clementine Martin Peter Schaeben als Erben ein, ab 1829 ihr erster Angestellter. Ihre Haushälterin bedenkt sie sparsamer – weshalb diese bald ihr eigenes Kölnisch-Wasser-Unternehmen eröffnet. Der Streit wird öffentlich in der Zeitung ausgetragen.
Die Firmengeschichte bis heute erzählt
Der zweite Teil des 200 Seiten umfassenden Buches ist der Firmengeschichte bis heute gewidmet. Auch dies wieder detailreich und spannend geschrieben. Eine wechselvolle Geschichte, in der es auch einen in letzter Minute abgewandten Konkurs gibt. Und immer wieder der harte Konkurrenzkampf mit anderen Anbietern. Auch die Verstrickungen mit den Nationalsozialisten werden nicht ausgespart. Heute ist der ehemalige 1-Frau-Betrieb ein europaweit produzierendes Unternehmen mit über 1.100 Beschäftigten, allein 300 in Köln.

Gezielte Werbung aus den 1960er Jahren: „Klosterfrau Melissengeist“ gegen die kleinen Alltagszipperlein wie Hexenschuß, Rheuma oder Erkältung. – © Unternehmensarchiv Klosterfrau Group
Ergänzt wird die Firmengeschichte von Beiträgen über die Werbestrategieen, die schließlich zum heute gültigen Logo mit den drei heiteren Nonnen führt. Dazu werden 13 Kräuter vorgestellt, die für die Produkte verwandt werden. Schließlich noch: Wie behandelte man damals, wie behandelt man heute Alltagsbeschwerden – nicht zuletzt eben auch mit Melissengeist.
Freundliche Nonnen statt nackter Muskelprotze
Das alles wird begleitet von einer großzügigen Illustration: Gemälde zeigen vergangenes Leben und Aussehen der Städte, Foto zeigen die heutige Produktion oder Werbeautos aus den 1950er Jahren. Vor allem aber die Entwicklung des Markenzeichens: Vom preußischen Wappen, gehalten von zwei nackten Muskelprotzen, bis zum heutigen Logo mit den drei freundlichen Nonnen. – Fazit: Auf jeden Fall empfehlenswert
Petra Pluwatsch, Martin Oehlen: „Klosterfrau. Eine Nonne erobert die Welt“ – emons Verlag, Köln 2026. Leinenband mit Schutzumschlag, 200 Seiten, 40 Euro