„Collecting Memories from Turtle Island“: Museum Ludwig zeigt indigene Kunst aus Nordamerika

Februar 7, 2026 Kunst/Ausstellungen

Mit Wendy Red Stars Bild „Four Seasons (Spring)“ aus dem Jahr 2006 beginnt die Ausstellung „Collecting Memories from Turtle Island“. – Foto: JS

Das Kölner Museum Ludwig rühmt sich der weltweit wohl größten Sammlung US-Kunst nach 1945. Und sehen lassen kann sich auch die Sammlung von gut 70.000 Photographien. Und doch weisen beides Lücken auf, wie Hausherr Yilmaz Dziewior jetzt einräumte. Danach fehlen zum einen indigene Künstler und ihre Arbeiten, zum anderen ein Kapitel kommerzieller Fotogeschichte, das die Verdrängung der indigenen Völker aus der öffentlichen Wahrnehmung dokumentiert. Wie beide Lücken geschlossen wurden, zeigt jetzt die Ausstellung „Collecting Memories from Turtle Island“ – als 11. Kapitel der 2016 gestarteten Reihe „Hier und Jetzt“.

Da ist zum einen ein Konvolut von 200 Fotografien der 1890 gegründeten Detroit Publishing Company, das das Museum vor zwei Jahren kaufte. Es sind Schwarz-weiß-Aufnahmen, entstanden im frühen 20. Jahrhundert und im Laufe der Jahrzehnte als kolorierte Postkarten in Millionenauflage auf den Markt gebracht.

Landschaft mit weißem Blick gesehen

Viele Aufnahmen machte Henry Jackson, der dabei den Wegen der Eisenbahn folgte. Bei deren Bau wurde keine Rücksicht auf die dort lebenden Indian Nations genommen. Und sie tauchen auch nicht auf den Fotos auf. Die menschenleeren Landschaftsaufnahmen prägen bis heute das Bild der weißen US-Bürger und der Touristen von der weiten nordamerikanischen Landschaft wie dem Grand Canyon oder dem Yellowstone Nationalpark – Kitsch wurde dabei ausdrücklich in Kauf genommen. Immer wieder wurden Retuschen vorgenommen, etwa Kutschen durch Autos ersetzt oder Menschen aus dem Bild entfernt.

Detroit Publishing Company / William Henry Jackson: „Blick vom Glacier Point auf den South Dome oder Half Dome, Yosemite Valley, Kalifornien“ (1898). Hier lebten die indigenen Völker Me-Wuk (Southern Sierra Miwok), Nüümü (Northern Paiute), Miwok
Ortsbezeichnung der Me-Wuk (Miwok): Yohhe’meti (Those Who Kill), Fotochrom – Repro: Historisches Archiv der Stadt Köln mit Rheinischem Bildarchiv

Eine Auswahl dieser Neuerwerbung bildet den einen Teil der Ausstellung, der zweite ist die Präsentation indigener Künstlerinnen. Den Klischee-Fotos gegenübergestellt ist ein Bild von Wendy Red Star von der Crow-Nation. Thema: der Frühling. Zu sehen eine idyllische Landschaft, über einem See Nebelschaden, ein Reh und ein Wolf leisten einer jungen Indigenen Gesellschaft, die zwischen beiden sitzt. Fast ein bisschen kitschig wie die historischen Nachbar-Fotos – aber hier mit einer Frau, der Künstlerin, als Vertreterin der Menschen, die hier schon vor den europäischen Eroberern lebten.

Blick in den Ausstellungsteil „Thirteen Moons“ – Foto: Historisches Archiv mit Rheinischem Bildarchiv, Karl Krüger

Leises Schellenrauschen empfangt das Publikum

Dann die Arbeiten von Marie Watt, Mitglied der Seneca Nations of Indians: 13 Skulpturen, die als „Thirteen Moons“ wie riesige umgekehrte Tropfen leise im Windhauch raschelnd von der Saaldecke hängen. Zusammengesetzt aus hunderten kleinen Metallschellen in drei unterschiedlichen Größen mit daraus resultierenden unterschiedlichen Tönen. Die Zahl 13 greift die 13 Monate auf, in die das indigene Jahr aufgeteilt wird. Außerdem bildeten 13 Platten den Schildkrötpanzer, auf dem sich der Kontinent erhebt. Der hieß folglich „Turtle Island“, bevor er auf Nordamerika getauft wurde.

 

Schließlich waren mit Schellen behängte Kleider wichtiger Bestandteil eines Heiltanzes, der 1900 während einer Grippe-Epidemie bei den Ojibwe entstand. Schon 1883 waren den indigenen Gemeinschaften traditionelle Versammlungen verboten worden, was erst 1978 aufgehoben wurde. Doch trotz des Verbotes hatte sich der Pow-Wow-Tanz weit verbreitet. Auch die Berührung der Schellen soll Heilung bringen – berühren im Kölner Museum ist nicht ausdrücklich verboten.

Marie Watt vor einem ihrer Schellen-Monde. – Foto: JS

„Collecting Memories from Turtle Island“ – bis 8. November 2026. Museum Ludwig. Heinrich-Böll-Platz, 50667 Köln, www.museum-ludwig.de, Tel. 0221 / 221 261 55. Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, jeden ersten Donnerstag im Monat 10-22 Uhr. Eintritt: 15,40/10,40 Euro (gilt für das gesamte Museum), Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren frei. Jeden ersten Donnerstag im Monat ab 17 Uhr 7 Euro, für Kölnerinnen und Kölner ganztägig frei. Katalog: 38 Euro. Anfahrt: KVB-Bahn: Linien 5, 16, 18 (Dom, Hauptbahnhof)