„Bühnenbeschimpfung“ – Selbstkritisches im Freien Werkstatt-Theater

Musik gibt dem Theaterabend den nötigen Drive: Jakob Jentges, Elina Brams Ritzau, Bruna Cabral (v.l.) – Foto: Niklas Berg / FWT
Aktuelle Themen schneller als bislang auf die Bühne bringen – das ist das Ziel der Aktion „Ein Stück weiter“, mit dem das Freie Werkstatt-Theater (FWT) seinen Teil zu gesellschaftlichen Diskussionen beitragen will. Dafür sollte in zwei Wochen ein Stück einstudiert werden. In „5 Minuten Stille“ ging es um Debattenkultur, bei „Die Katze Eleonore“ um das Selbstbild des Menschen in der Natur. Jetzt folgte zum Abschluss „Bühnenbeschimpfung“ eine kritische Selbstbetrachtung der Theaterszene. Ein Stück, das leider nicht an die beiden anderen anknüpfen konnte.
Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ umgedreht
Das Stück der Sivan Ben Yishai ist derzeit ein stiller Renner auf deutschen Bühnen. Der Titel bezieht sich ausdrücklich auf Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“, mit dem der Österreicher in den 1960er Jahren für Furore sorgte. Doch jetzt geht es nicht um selbstzufriedene Zuschauer, sondern um das Theater selber: Eine selbstkritische Nabelschau, die das Theater aus der Komfortzone ziehen will und seine Stellung in der Gesellschaft hinterfragt.
Für die Kölner Inszenierung engagierte das FWT das Kollektiv „Cuma“ (portugiesisch für „Wie bitte?“), bestehend aus Bruna Cabral (Percussion, Schlagzeug), Elina Brams Ritzau (Gitarre), Jakob Jentges (Saxophon). Sie verbinden Musik mit Performance, Tanz und Schauspiel. 2021 wurden sie für ihr Physical-Theatre-Konzert „Vacation from Love“ mit dem Folkwang-Preis in der Sparte darstellende Künste ausgezeichnet. Jetzt geben sie auf der Kölner Bühne zu, nur 10 Tage für die Umsetzung des Stücks gebraucht zu haben.
Theater hat sich immer wieder neu erfunden
Dann jagen sie durch das Stück. Am Anfang steht der Verweis auf den japanischen Shinto-Schrein Ise-Jingu, der seit 690 alle 20 Jahre abgerissen und wieder aufgebaut wird. Hier steht er als Symbol für die Ewigkeit, für die Stärke des Theaters, sich aus seiner Tradition heraus immer wieder neu erfunden zu haben. Es folgt ein Rundumschlag gegen den Theaterbetrieb. Wie demokratisch ist er? Was macht er mit der Gesundheit? Wie politisch kann, darf ein Stück sein? Soll ein Schauspieler eine Rolle auch gegen seine Überzeugung übernehmen? Wie erreicht man staatliche Zuschüsse?
Hier wird das Trio in Absprache mit der FWT-Leitung konkret: 6.500 Euro hat es für die Probetage erhalten, 250 Euro gibt’s für jeden für die Aufführungen – deutlich weniger als die empfohlene Mindestgage von 310 Euro. Ein deutlicher Appell – nicht nur, aber vor allem in Köln – an Gesellschaft und Politik, hier mehr Geld bereitzustellen
Restlos begeistern konnte das Cuma-Trio über die 75 Minuten Spieldauer allerdings nicht. Seine Stärke ist zweifellos die mitreißende Musik, weniger die Schauspielerei, die Sprache – und mit welchem Recht wird erwartet, dass das Publikum Englisch versteht? Der Premierenbeifall war dann auch vergleichsweise zurückhaltend.
„Bühnenbeschimpfung“ – die nächsten Vorstellungen: 28. Februar 2026 (20 Uhr), 26. April (18 Uhr), 29. April (20 Uhr), 2. Mai (20 Uhr). Werkstatt-Theater, Zugweg 10, 50677 Köln, www.fwt-koeln.de, Kartenbestellungen: 0221 / 32 78 17